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Haroun Moalla (Grüne): „Die Pankahyttn ist der coolste Ort"

Porträt von Haroun Moalla
Haroun Moalla ist stellvertretender Bezirksvorsteher in Rudolfsheim-Fünfhaus (Bild: Die Grünen)

Newsletter #1 vom 15. Mai 2026. Rubrik: Was macht die Bezirkspolitik? Serie: Politischer Spaziergang durch Rudolfsheim-Fünfhaus mit Vertreter:innen aller Bezirksparteien. Gast #1: Haroun Moalla (Grüne)

Von Stephan Wabl

Die Palmgasse ist ein unscheinbarer Ort an der Einfahrt nach Rudolfsheim-Fünfhaus. Gegenüber thront der 2021 eröffnete IKEA, davor rauschen die Radfahrer:innen auf der neu gestalteten Äußeren Mariahilferstraße in Richtung Innenstadt. Kaum eine Ecke im Bezirk hat sich in den letzten Jahren derart rasant verändert wie diese. Das schmuddelige Image des Grätzls rund um den Westbahnhof wurde durch coole Cafés, Tourist:innen in Hop-on-Bussen und Lastenfahrräder abgelöst. Hier beginnt unser Spaziergang.

Moalla: „Die Palmgasse ist ein ganz wichtiger Ort für den Bezirk. Hier, wo heute der Pennymarkt ist, war vor 100 Jahren das Café Palmhof von Otto Pollak. Das Café war über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt, hier wurden zum Beispiel Jazzkonzerte für das Radio aufgenommen. Das Kaffeehaus wurde 1938 von einem Kellner arisiert, Otto Pollak und seine Tochter Helga kamen in die KZs von Ausschwitz und Theresienstadt. Darüber erzählt sie in ihrem Buch „Theresienstädter Tagebuch“. Beide haben überlebt und sind auch an diesen Ort in Rudolfsheim-Fünfhaus zurückgekehrt. Otto Pollak wurde restituiert und hat das Café zurückbekommen. Aufgemacht hat er es aber nicht mehr.“

Das Café Palmhof um 1900
Das Café Palmhof um 1900 (Privatsammlung Kinsky)
Im alten Kaffeehaus ist jetzt ein Supermark. Im Laufe des Jahres wird das Haus zum Kunstprojekt
Im alten Kaffeehaus ist jetzt ein Supermarkt. Im Laufe des Jahres wird das Haus zum Kunstprojekt. (Bild: Wabl)

Jüdisches Leben 

Bis 1938 gab es ein reges jüdisches Leben in Rudolfsheim-Fünfhaus. Der ehemalige Turnertempel in der Turnergasse war die dritte Synagoge, die in Wien gebaut wurde. In der Herklotzgasse 21 gab es einen jüdischen Kindergarten und den Turnverein Makkabi XV. in der Storchengasse 21 befand sich ebenfalls ein orthodoxes Gebetshaus. Der Audioguide des Projekts „Herklotzgasse 21“ erzählt anhand von zehn Orten die Geschichte der jüdischen Gemeinde im Bezirk.

Moalla: „Der Bezirk verändert sich im Turbomodus und bevor alles neu wird, wollten wir die Chance noch nutzen, um diesen Aspekt der Bezirksidentität festzuhalten und sichtbar zu machen. Deshalb haben wir das Projekt „Café Palmhof“ ins Leben gerufen, das heuer umgesetzt wird. Durch eine Installation am Haus wird die Geschichte der Familie Pollak erzählt. Dem Projekt haben auch alle Parteien im Bezirksparlament zugestimmt.“

Macht und Ohnmacht als Bezirkspolitiker

52 Bezirksrätinnen und Bezirksräte hat Rudolfsheim-Fünfhaus. Moalla ist seit 2005 in der Bezirkspolitik, seit 2020 ist er Bezirksvorsteher-Stellvertreter. Wir machen uns von der Palmgasse auf in Richtung Rustensteg und über die Gleise der Westbahn auf die andere Seite des Bezirks. „Was kann das Bezirksparlament überhaupt gestalten?“, frage ich ihn am Weg.

Moalla: „Am ehesten in den Bereichen Kultur, Grünflächen und Verkehr. Sachen wie Begrünungen, Bänke oder Fahrradwege gegen die Einbahn. Aber für größere Projekte ist die Stadt zuständig. Als ich vor 20 Jahren anfing, habe ich immer gehört, was alles nicht geht. Das musste ich erstmal verarbeiten und schauen, wie ich mehr aus meiner Funktion machen kann.“

Für die Bewohner:innen von Rudolfsheim-Fünfhaus sind die Themen Schulen und Wohnen wichtig. Welche Rolle spielt hierbei die Bezirkspolitik?

Moalla: „Eine sehr kleine. Paradoxerweise hat der Bezirk den Auftrag, die Schulgebäude des Pflichtschulbereichs zu erhalten, ansonsten spielt er für die Schulen aber keine Rolle. Beim Thema Wohnen hat der Bezirk noch weniger Einfluß. Natürlich gibt es Flächenwidmungspläne und der Bezirk hat einen Bauausschuss. Bauträger wenden sich an den Bezirk und sagen zum Beispiel, sie würden gerne etwas höher bauen, als es das Gesetz erlaubt. Da kann der Bezirk genau hinschauen und fragen, ob das Bauprojekt im Interesse der Bezirksentwicklung ist.“

Der Westbahnpark in Wien
Umkämpftes Gebiet der Stadtentwicklung: Der Westbahnpark zwischen den beiden Bezirksteilen in Rudolfsheim-Fünfhaus (Bild: Wabl)

Kampfplatz Westbahnpark

Wir bleiben am Ende des Rustenstegs stehen. Unter uns liegen die Gleise, die zum Westbahnhof führen. Hinter uns reicht der Blick bis in den Wienerwald. Diesen Ort hat sich Moalla als zweiten Stopp unseres Spazierganges ausgesucht.

Moalla: „Das hier ist ein Kampfplatz. Wir stehen beim Westbahngelände, das ist 1,2 Kilometer lang und hat eine der größten Grünflächen im Bezirk. Und hier möchte die Stadt ein Bauprojekt umsetzen, das sie Landschaftspark nennt. Es sollen aber auch Gebäude entstehen. Für uns Grüne ist das Projekt eine Mogelpackung und wir fordern einen richtigen Park: den Westbahnpark. Das ist die letzte Möglichkeit eine Grünfläche dieser Art im innerstädtischen Raum zu schaffen.“

Moalla vs. Baurecht

Unter dem Begriff „Mitte 15“ wurde im Februar 2024 das Stadtentwicklungskonzept für das Gebiet vorgestellt. Dabei handelt es sich um einen rund sechs Hektar großen Bereich entlang der Felberstraße. Baubeginn soll 2030 sein.

Moalla: „Hier nimmt der Bezirksvorsteher Dietmar Baurecht von der SPÖ eine fatale Rolle ein. Er unterstützt die Pläne seiner SPÖ-Kollegin Ulrike Sima, die als Planungszuständige in der Stadtregierung das Projekt verantwortet. Aber als Bezirksvorsteher müsste Baurecht die Interessen der Einwohner:innen von Rudolfsheim-Fünfhaus vertreten. Das geschieht aber aus unserer Sicht nicht. Es gibt auch kein Interesse daran, eine fachliche Diskussion über dieses Gelände zu ermöglichen. Die Beteiligung der Bezirksbewohner:innen an den Projektplänen sind auch kaum vorhanden. Hier wird großteils der Deckel draufgehalten. Unser Ziel ist es, Aufmerksamkeit zu schaffen, dass hier eine Jahrhundertchance vergeben wird.“

Ein besetztes Haus als Vorbild

Wir lassen das Westbahngelände hinter uns und kommen nach Fünfhaus. Hier liegt der Meislmarkt, die Stadthalle und die Schmelz. Von der Johnstraße hat man den schönsten Blick auf die Gloriette und das Schloss Schönbrunn. Auf der Johnstraße liegt auch die Pankahyttn - der dritte Stopp auf unserem politischen Spaziergang. Das ehemals besetzte Haus ist für Moalla der coolste Ort im Bezirk.

Pankahyttn in Wien
Die Pankahyttn beim Meiselmarkt ist nicht zu übersehen (Bild: Wabl)

Moalla: „An der Pankahyttn finde ich ganz viele Dinge spannend. Meine Jugend in Wien war geprägt von Orten, die dem Kapital abgerungen wurden wie das WUK oder die Arena. Heute sind das kulturelle Orte für die Allgemeinheit. Hier ist das auch so. Als das Ganze als soziales Kultur- und Wohnprojekt im Jahr 2008 begann, hat die Stadt Wien noch einen Container mit Sozialarbeiter:innen vor das Haus gestellt. Aber die Selbstverwaltung funktioniert bestens, im Haus gibt es eine Konzertlocation, der Eintritt und die Bar laufen meist unter „Freie Spende“. Es ist ein politischer und zugleich sehr gemütlicher Ort.“

Im Dezember 2007 zogen Punks unter dem Slogan „Genug vom Bitt´n. Her die Hyttn!“ in ein leerstehendes Haus in der Johnstraße 45 ein. Vom Besitzer, dem Fonds Soziales Wien, wurde ein unbefristeter Hauptmietvertrag auf Betriebskostenbasis gefordert. Seither gibt es die selbstverwaltete „Pankahyttn“ mit 18 Wohnungen mit Bad, Klo, Küche und einem Gemeinschaftsraum, in dem Veranstaltungen und Konzerte stattfinden. Wechselnde Slogans, je nach Politik- und Weltlage, zieren die Häuserwand.

Freiraume schützen

Moalla: „Leistbarer Wohnraum ist ganz wichtig für das Leben in der Stadt und im Bezirk. Und die Pankahyttn steht dafür. Heute ist jede Immobilie so viel wert, dass es kaum noch möglich ist, Orte für Kultur und gesellschaftlichen Freiraum zu schaffen. Diese wenigen Räume müssen wir schützen. Wir sind mittlerweile sehr gewillt, viele Dinge einfach hinzunehmen: hohe Mieten, Armut, Kommerzialisierung. Alternative Lösungen zu finden und Ungerechtigkeiten klar anzusprechen, wird immer seltener. Und die Leute von der Pankahyttn haben die Chuzpe Fehlentwicklungen ohne Schnickschnack anzuprangern. Das gefällt mir gut.“

Armut abseits der coolen Grätzln

Wir beenden unseren Spaziergang und machen uns auf zurück über die Gleise Richtung Mariahilferstraße. Am Weg dorthin will mir Moalla noch ein Haus in der Goldschlaggasse zeigen. Im Hof stehen viele E-Mopeds von Essenslieferanten. Das Haus ist heruntergekommen.

Moalla: „Hier wohnen viele Essenslieferanten auf engem Raum. Deren Lage wird ausgenutzt und das Haus nicht wirklich saniert. Hier schaut der Bezirk ganz anders aus als in den coolen Grätzln wie der Schwendermarkt oder das Nibelungenviertel. Ich befürchte, dass die Armut in den kommenden Jahren zunehmen wird - auch in Rudolfsheim-Fünfhaus. Als Bezirkspolitiker kann ich auf diese problematischen Entwicklungen hinweisen und im lokalen Akzente setzen. Aber die entscheidende Politik passiert im Stadtparlament.“

Fahrradstraße in der Goldschlagstraße in Wien
Die Fahrradstraße in der Goldschlagstraße (Bild: Wabl)

Die Macht und Ohnmacht als lokaler Oppositionspolitiker endet manchmal aber auch in positiven Ergebnissen. Wir verlassen das Haus in der Goldschlagstraße und stehen direkt auf der Fahrradstraße, die mittlerweile drei Kilometer lang ist und den 14. mit dem 7. Bezirk verbindet. Für Moalla ein gelungenes Projekt, für das die Stadt zuständig war: „Die Fahrradstraße in der Goldschlagstraße ist ein Erfolg - aber ohne uns Grüne wäre der Ausbau des Radwegenetzes nie so vorangetrieben worden.“

Porträt von Haroun Moalla
Haroun Moalla ist stellvertretender Bezirksvorsteher in Rudolfsheim-Fünfhaus (Bild: Die Grünen)

Zur Person

Haroun Moalla (50) wurde in Tunesien geboren und lebte bis zu seinem 10.Lebensjahr in Oberösterreich. Er übersiedelte mit seinen Eltern nach Wien-Meidling und kam mit dem Studium nach Rudolfsheim-Fünfhaus. Der Agrarökonom ist seit 2020 hauptberuflich Bezirksvorsteher-Stellvertreter in 1150.

Stephan Wabl

Arbeitet als freier Journalist, Autor, Podcaster und Herausgeber von "1150"  in Rudolfsheim-Fünfhaus. Mit seinen Büchern, Podcasts und Medienprojekten war er Gast bei der "Buch Wien", der Langen Nacht des Journalismus und beim Podcastfestival Passau. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.