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Maria Kaltenbrunner (KPÖ): Mit Gratis-Pizza gegen die Teuerung

Maria Kaltenbrunner KPÖ Wien
Maria Kaltenbrunner ist seit 2025 KPÖ-Bezirksrätin in Rudolfsheim-Fünfhaus

Newsletter #5 vom 13. Juni 2026. Rubrik: Was macht die Bezirkspolitik? Serie: Politischer Spaziergang durch Rudolfsheim-Fünfhaus mit Vertreter:innen aller Bezirksparteien. Gast #4:  Maria Kaltenbrunner (KPÖ)

Meiselmarkt - Heimhof - Schmelz. Die KPÖ-Bezirksrätin Maria Kaltenbrunner hat beim politischen Spaziergang über Preissteigerungen, Wohnen und Gedenken an den Widerstand gesprochen. Die 33-Jährige ist seit einem Jahr im Bezirksparlament von Rudolfsheim-Fünfhaus aktiv.

Maria Kaltenbrunner dämpft ihre Tschick aus und setzt sich ein Kapperl auf. Der Wind geht draußen am Meiselmarkt und die Sonne scheint. „Wir haben uns den Meiselmarkt ausgesucht, weil die Teuerung gerade ein Riesenthema ist“, sagt die 33-jährige Bezirksrätin. „Es spürt sicher jeder von uns, aber für den 15. Bezirk ist es relevant, weil hier viele Leute wohnen, die sich wenig leisten können und das ist für diese Menschen eine extra Belastung“, sagt die Politikerin.

Die Lebensmittelpreise in Österreich sind seit 2021 um bis zu 35 Prozent gestiegen, bei billigen Eigenmarken und bestimmten Grundnahrungsmitteln haben sich die Preise sogar verdoppelt. 

„Leute, die den größten Teil ihres Einkommens für Fixkosten wie Miete oder Supermarkteinkäufe  ausgeben, spüren das noch viel mehr“, sagt Kaltenbrunner. „Wir führen viele Haustürgespräche und machen Infostände und das ist ständig Thema. Wir wollen informieren aber vor allem mit den Leuten reden, um von ihnen zu hören, was sie beschäftigt“, so die Bezirksrätin. Es sei aber nicht „magisch“ herauszufinden, was die Menschen umtreibt. Die Themen decken sich immer wieder und es könne eigentlich jeder wissen, was die Leute beschäftigt, so Kaltenbrunner. „Ich habe aber das Gefühl, dass viele Abgeordnete - von der Bezirksvorstehung aufwärts - nicht wissen, was wirklich los ist. Ihre Gehälter sind extrem hoch und sie bewegen sich in einer Bubble“, sagt Kaltenbrunner. 

Meiselmarkt in Wien
Der Meiselmarkt ist der einzige überdachte Markt in Wien (Bild: Stegmaier)

Neben den Lebensmittelpreisen seien Energie und Wohnen die großen Problemfelder, die die Menschen beschäftigen „hier wird zu wenig oder gar nicht eingegriffen“, so die KPÖ-Politikerin. Beim Thema Wohnen gehe es aber nicht nur um die gestiegenen Mieten, sondern auch um die Qualität. „Um Belastungen wie Schimmel wird sich nicht gekümmert“, sagt Kaltenbrunner und verweist auf den nächsten Stopp des politischen Spaziergangs.

„Viele glauben nicht mehr daran, dass Wohnen sozial sein kann“

Ein paar Straßen weiter im Grätzl befindet sich der Heimhof. „Wir haben hier viele Haustürgespräche geführt, um über das Thema Wohnen zu reden“, sagt Kaltenbrunner. Wir stehen in der Pilgerimgasse und schauen auf den Bau aus den 1920er Jahren. „Das ist in Vergessenheit geraten oder die Leute glauben gar nicht mehr daran, dass Wohnen kommunal und sozial sein kann“, so die Bezirksrätin. 

„Die Gemeindebauten aus dem Roten Wien, auf die die SPÖ irrsinnig stolz ist, lassen sie zu einem großen Teil leider verkommen. Aktuell unterstützen wir im zweiten Bezirk Mieter:innen im Gemeindebau. 40 Prozent der Mieter:innen des Gemeindebaus am Handelskai 214 haben seit Jahren Schimmel in ihren Wohnungen und Wiener Wohnen sagt, das sei individuelles Fehlverhalten. Die Leute müssen teilweise im Sommer heizen, damit es nicht zu feucht wird. Seit wir das dann kampagnisiert und Proteste organisiert haben, haben wir sehr viele ähnliche Berichte aus allen Bezirken der Stadt erhalten. Im 15. Bezirk sind es mittlerweile drei Adressen, wo uns Mieter:innen ähnliches geschildert haben und wir schauen uns die Situation genau an. Das sind alles Gemeindebauten. Das sind mittlerweile Relikte aus einer anderen Zeit, als es eine Stadtregierung gab, die erschwingliches Wohnen und gemeinschaftliches Leben zur Priorität gemacht hat.“ 

Das habe seit der Nachkriegszeit einfach immer mehr nachgelassen, sagt Kaltenbrunner. „Das kommt sowohl von den ökonomischen Verhältnissen, als auch ganz stark von den politischen Verhältnissen. Wenn die Sozialdemokratie diese Themen aufgegeben hat, bleibt Neoliberalismus über - und dann hat am Ende einfach jeder selbst schuld.“

Heimhof Wien
Der Gemeindebau Heimhof stand früher für gemeinschaftliches Wohnen (Bild: Stegmaier)

„Mieter:innen sollen nicht wie Bittsteller oder Störende behandelt werden“

In den 1990er und 2000er Jahren wurden etliche Gebäude der Gemeinde Wien privatisiert oder abgerissen und an Baukunden verkauft. Kaltenbrunner kritisiert außerdem, dass die Stadt zu wenig neue Gemeindebauten errichtet, obwohl Wien wachse wie nie. „Die SPÖ ist irrsinnig mit der Baulobby vernetzt. Im Großen und Ganzen hat die Partei das Thema Wohnen immer mehr dem freien Markt überlassen“, kritisiert die KPÖ-Politikerin. Die Miete der Wohnungen aus dem sogenannten geförderten Wohnbau sei außerdem mit zehn Jahren begrenzt und darauf folgten hunderte Jahre Profit. Laut Kaltenbrunner sei das kein sozialer Wohnbau. „Mieter:innen sollen nicht wie Bittsteller oder Störende behandelt werden.“ 

Die Bezirksrätin zeigt auf den Heimhof hinter ihr. „Hier gab es zum Beispiel eine gemeinsame Küche. Kochen und Waschen waren gemeinschaftlich organisiert, um die Frauen im Alltag zu entlasten.“ 

Der Heimhof wurde in den 1920er Jahren errichtet und sollte Zuhause für Ehepaare und Familien werden. Ursprünglich bekamen nur Paare eine Wohnung, wenn beide berufstätig waren. Eine Zentralküche, ein gemeinsamer Speiseraum und Wäschereien sollten die Frauen von der Hausarbeit entlasten. Die häuslichen Arbeiten wie Aufräumen, Kochen und Wäschewaschen wurden von Angestellten verrichtet, die von den Mieter:innen bezahlt wurden.

„Ich glaube, manchmal sind Sachen schwer vorstellbar, weil sie nicht mehr denkbar sind. Was nicht heißt, dass wir nicht alle davon profitieren könnten. Das kommt aber nicht von heute auf morgen. Das muss man auch ein bisschen üben.“

Pizza Comunista KPÖ Wien
In der Pizza Comunista in Wien-Penzing gibt es gratis Essen (Bild: KPÖ Wien)

Auf die Frage, was die Politik auf Bezirksebene bezüglich dieser Themen ausrichten könne, antwortet Kaltenbrunner: „Wirklich viel kann man auf Bezirksebene nicht entscheiden und machen. Aber man muss realistisch sein, sonst kann man nichts verändern. Es gibt immer Dinge, die der Bezirk machen kann. Das ist vielleicht nicht der große Masterplan, aber natürlich hat die Bezirksvertretung Einfluss auf die Stadt. Andererseits hat die Stadt auch großen Einfluss auf den Bezirk - vor allem wenn es sich um dieselbe Partei handelt. Uns geht es vor allem darum, dass wir mit den Leuten im Bezirk reden, dass wir zusammenkommen und etwas organisieren“, antwortet die Bezirksrätin. 

„Wir sind offen für alle und ich fordere alle auf, bei uns mitzumachen, um mit Projekten parallel zu arbeiten. Es geht uns darum, zu zeigen und erlebbar zu machen, welchen Einfluss man in der Gesellschaft haben kann. Wir veranstalten zum Beispiel die Pizza Comunista. Ein Mal im Monat kann man bei uns im KPÖ-Haus in Penzing vorbeikommen und es gibt gratis Pizza. Man kann einfach quatschen, gut Essen aber auch mitmachen. In anderen Bezirksgruppen haben wir auch öfter Lebensmittelaktionen. Wir sind immer auf der Suche nach konkreten Projekten, die wir lokal umsetzen können. Natürlich können wir damit nicht den Bezirk ernähren, aber so machen wir im Kleinen was zum Thema, dass im Großen auch wichtig wäre.“

Amalie-Brust-Gasse Schmelz
Die Amalie-Brust-Gasse auf der Schmelz würdigt die gleichnamige Widerstandskämpferin (Bild: Stegmaier)

Menschen wie Du und Ich im Widerstand

Etwas Kleines, das auch etwas Großes greifbar machen soll, befindet sich am letzten Stopp des Spaziergangs auf der Schmelz. „Auf Initiative der KPÖ ist die Amalie-Brust-Gasse nach einer Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus aus dem 15. Bezirk benannt worden“, sagt Kaltenbrunner. „Das war vor meiner Zeit als Bezirksrätin. In den 1990er Jahren gab es erstmals die Initiative, einen Ort nach Amalie Brust zu benennen. Man meint, das sei ein No-Brainer, aber das ist damals nicht durchgegangen. Erst 2018 hat die KPÖ das durchgebracht. Das war nicht leicht. Es gab unzählige Gespräche. Es hat dann bis 2024 gedauert, das die Gasse tatsächlich so heißt, obwohl sie vorher gar keinen Namen hatte. Niemandem wurde dadurch etwas ,weggenommen’. Das Straßenschild wurde dann schließlich 2025 im Juni angebracht und mit einer Gedenkfeier eröffnet.“ 

Amalie-Brust-Gasse Wien
Die Bezeichnung "Amalie-Brust-Gasse" hat die KPÖ im Bezirksparlament vorgeschlagen (Bild: Stegmaier)

Auf die Frage, ob es generell schwierig sei, als Opposition im Bezirksparlament etwas durchzusetzen, antwortet die Politikerin: „Das läuft tendenziell schon so ab. Die SPÖ als Mehrheitspartei hat es sich im Bezirk gemütlich gemacht und das spürt man auch. Bei uns im Bezirk sind zwar alle recht kooperativ, aber es fühlt sich an, als würdest du bei jemandem als Gast zuhause vorbeikommen. Es ist das Reich der SPÖ. Wenn etwas nicht anders vorher abgesprochen ist in der Mehrheitspartei, wird der Antrag sicherheitshalber abgelehnt, einfach weil er von uns oder jemand anderem kommt. Die Kompetenzen liegen außerdem ganz stark beim Bezirksvorsteher. Das schlägt die Bemühungen der anderen Parteien. Oder die Anträge werden in die Ausschüsse verlagert, wo wieder mehr Leute von der SPÖ sitzen. Das verlängert die Prozesse ungemein. Ich denke mir oft: Bitte stimmen wir doch einfach ab. Sagt meinetwegen auch Nein, aber verschiebt es nicht ständig irgendwohin, dass es sich ewig zieht“, sagt Kaltenbrunner. 

Kleine Projekte mit großen Zielen

Aber man könne doch eben immer mal wieder etwas erreichen, wie hier. „Diese Gasse ist mir sehr wichtig. Wir als KPÖ machen grundsätzlich viel Gedenkpolitik. Ich finde, es macht einen großen Unterschied, ob man Gedenkpolitik im Bezirk verankert. Das darf nicht so eine abstrakte Sache sein, dass irgendwo irgendwas mal passiert ist. Sondern genau hier im Bezirk waren es ganz normale Menschen wie Du und Ich, die am Widerstand beteiligt waren und zu Schaden gekommen sind. Amalie Brust war eine sehr junge Frau, die bei der KPÖ aktiv war. Sie hat in der Felzlgasse 24 gewohnt. Als die Nazis in Österreich an die Macht kamen, war sie in England für einen Job und sie hat sich entschieden zurückzukommen, um hier im Widerstand zu kämpfen. Weil sie illegale Materialien verbreitet haben soll, wurde sie 1939 von der Gestapo verhaftet. 1941 wurde sie wegen ,politischen Widerstands und Vorbereitung zum Hochverrat’ zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. 1944 wurde sie im KZ Ravensbrück schließlich ermordet. Es ist nicht die Geschichte der Scholl-Geschwister, die irgendwie jeder kennt, sondern es sind eben viele mutige Menschen gewesen, die wichtige Entscheidungen getroffen haben und die uns immer wieder vor die Frage stellen: Bin ich mutig? Leiste ich gerade Widerstand gegen Krieg und Verfolgung oder verstecke ich mich, weil es halt sicherer und gemütlicher ist?“ 

Die KPÖ veranstaltet jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung am Westbahnhof. Von hier aus gingen im Dritten Reich Transporte in das KZ Dachau und Weimar. „Das ist so etwas, das man auf Bezirksebene machen kann und das ist urwichtig. Wir versuchen das am Leben zu halten,“ sagt die Bezirksrätin.

Man könne immer was machen, sagt Kaltenbrunner nochmal zum Abschluss. „Es ist gefährlich zu glauben, man kann nichts bewegen. Wir Menschen brauchen diese Erfahrungen, dass wir an dieser Ohnmacht gegenüber Krieg und Profitgier nicht zugrunde gehen.“ Vielleicht wirkt es klein, aber dafür haben wir richtig große Ziele. Wir wollen was verbessern in der Welt.“

Maria Kaltenbrunner KPÖ Wien
Maria Kaltenbrunner ist seit 2025 KPÖ-Bezirksrätin in Rudolfsheim-Fünfhaus

Zur Person

Maria Kaltenbrunner ist in Purkersdorf in Niederösterreich aufgewachsen und lebt seit 14 Jahren in Wien. Seit 2025 ist die 33-Jährige Bezirksrätin für die KPÖ in Rudolfsheim-Fünfhaus. Die Informatikerin war zuvor Jahre in der Partei aktiv. Sie mag es, mit Leuten zu reden und spaziert gerne über die Schmelz. Als Bezirksrätin mit einem einfachen Mandat erhält Kaltenbrunner eine Aufwandsentschädigung in der Höhe von 578,10 Euro brutto. Sie gibt diese, wie andere KPÖ-Politiker:innen, an die Partei ab. Daraus finanziert die Partei Projekte wie die Pizza Comunista oder die Sozialberatung.

Anja Stegmaier

Langjährige Redakteurin für die Wiener Zeitung, für die sie den Podcast "#weitergehts" umgesetzt hat. Als Journalistin und Sprecherin hat sie zahlreiche Porträts und Reportagen verfasst sowie Medien-Formate entwickelt. Für ihre Ö1-Radiokolleg-Serie "Frauen und Skateboarding" war sie gemeinsam mit Matthias Hofer und Stephan Wabl für den "Sports Media Award" im Bereich Audio nominiert. Sie wohnt in Rudolfsheim-Fünfhaus.