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Der 15. Bezirk hat ein Drogenproblem – und Wien ignoriert eine bewährte Lösung

Gumpendorferstraße Wien
Die U6-Station Gumpendorfer Straße zwischen 15. und 6. Bezirk wird immer mehr zum Ort für Drogenverkauf und Drogenkonsum (Bild: Stegmaier)

Newsletter #4 vom 11. Juni 2026. Rubrik: Was beschäftigt den Bezirk? Ein Kommentar von Anja Stegmaier zum Drogenproblem in Rudolfsheim-Fünfhaus. 

Von Anja Stegmaier

Spritzen, Tschickstummel, leere Schnapsflaschen. Die Bewohner:innen des 15. Wiener Gemeindebezirks finden sie in Parks, Stiegenhäusern und auf Spielplätzen. Letzteres verärgert mich als Mutter besonders. Denn Kinder machen alles in ihrer Umgebung zu ihrem Spielzeug. Und als ich mein Kind zuletzt am Spielplatz neben Spritzenverpackungen spielend im Gatsch angetroffen habe, war mir klar: Es muss sich was ändern.

Rudolfsheim-Fünfhaus steht seit Jahren im Fokus der Debatte über Drogenverkauf und Drogenkonsum im öffentlichen Raum. Besonders rund um den Westbahnhof und der U6-Station Gumpendorfe Straße berichten Anrainer:innen regelmäßig von offenem Konsum, Spritzenfunden und einer sichtbaren Suchtszene. Als großer Verkehrsknotenpunkt, mit vergleichsweise günstigem Wohnraum und zahlreichen sozialen Einrichtungen zieht der Bezirk viele suchtkranke Menschen an.

Und genau eine dieser sozialen Einrichtungen soll nun die Lösung sein – oder besser gesagt: ihre Abschaffung. Das Suchthilfezentrum „Jedmayer“ am Gürtel gegenüber der U6-Station Gumpendorfer Straße liegt zwar im 6. Bezirk, grenzt aber direkt an den 15. auf der anderen Gürtelseite an. Das Zentrum ist eine Anlaufstelle für Suchtkranke, zieht aber gleichzeitig immer mehr Drogendealer an. ÖVP und FPÖ in beiden Bezirken fordern daher, das „Jedmayer" an den Stadtrand zu verlegen oder gleich zu schließen.

Dadlerpark Wien
Am Spielplatz im Dadlerpark wurden zuletzt immer wieder Spritzen gefunden (Bild: Stegmaier)

Schutzzone und Alkoholverbot bringen nichts

Seit dem 8. Mai dieses Jahres gilt rund um die U6-Station Gumpendorfer Straße und insbesondere beim Fritz-Imhoff-Park eine polizeiliche Schutzzone. Ziel der Maßnahme ist es, die Drogenszene und die Kriminalität an diesem Hotspot einzudämmen und das Sicherheitsgefühl zu erhöhen. Gleichzeitig wurde rund um den Westbahnhof, den Europaplatz und den Christian-Broda-Platz ein Alkoholverbot eingeführt. Der Bezirk Mariahilf ließ zudem einen Zaun mit verschließbaren Toren rund um den Fritz-Imhoff-Park errichten. Die Kosten: rund 64.000 Euro. Der Bezirk zahlt diese Rechnung.

Diese Maßnahmen verdrängen zwar Alkohol- und Drogenkonsum  – lösen aber nicht das Problem. Seit Beginn dieser Maßnahmen verlagert sich die Szene nämlich weiter in den 15. Bezirk. In Gebüschen auf Spielplätzen oder in Post-Versandstationen wird konsumiert, gedealt und benutzte Spritzen bleiben zurück. Das ist ein Problem. Doch die entscheidende Frage lautet: Wo sollen suchtkranke Menschen hin?

Dadlerpark Wien
Der Drogenkonsum verlagert sich von der Schutzzone bei der U6-Gumpendorfer Straße immer mehr hin zu Hauseingängen, Postabholstationen und Gebüschen im 15. Bezirk (Bild: Stegmaier)

Die Vorteile von Drogenkonsumräumen 

Österreich verfügt bis heute über keinen einzigen offiziellen Drogenkonsumraum – umgangssprachlich oft „Fixerstube“ genannt. Dabei ist dieses Modell in vielen Ländern seit Jahrzehnten etabliert. Sozialarbeiter:innen und Suchthilfeorganisationen fordern schon länger zumindest Pilotprojekte. Solche Einrichtungen bringen nicht nur Vorteile für die Betroffenen, sondern auch für die Nachbarschaft und den öffentlichen Raum. 

Die Räume stellen steriles Material zur Verfügung, dadurch wird der Konsum sauberer und hygienischer und die HIV- und Hepatitis-Übertragungen werden verringert. Durch die medizinische Aufsicht können außerdem tödliche Überdosierungen verhindert werden. Bei dem Kontakt werden Therapie, Entzug oder soziale Hilfen schneller und direkter vermittelt.

Sie ermöglichen aber auch die Analyse lokaler Drogenmärkte und dienen als Frühwarnsysteme bei neu auftretenden Substanzen.  Für das Umfeld bedeutet das: weniger öffentlicher Konsum in Parks, Toiletten und Stiegenhäusern und weniger herumliegende Spritzen. 

Die Europäische Drogenagentur bewertet Konsumräume als wirksames Instrument der Schadensminimierung. Sie erreichen insbesondere Menschen, die sonst kaum Kontakt zum Gesundheitssystem haben. Studien zeigen Verbesserungen beim hygienischen Konsumverhalten und eine Verringerung riskanter Praktiken wie dem gemeinsamen Gebrauch von Spritzen.

Auch der EU-Drogenaktionsplan 2021–2025 empfiehlt, Drogenkonsumräume einzurichten oder auszubauen. 

Vorbild Zürich

Zürich in der konservativen Schweiz galt in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren als Symbol einer außer Kontrolle geratenen Drogenszene. Der Platzspitz-Park wurde weltweit als „Needle Park“ bekannt. Heute zählt Zürich zu den sichersten und saubersten Großstädten Europas.

Die Schweiz reagierte damals mit einer Kombination aus Prävention, Therapie, Schadensminimierung und konsequenter Durchsetzung bestehender Regeln. Dazu gehörte auch die Einführung von Drogenkonsumräumen. Das Schweizer Modell gilt heute international als Vorbild. Die offenen Drogenszenen verschwanden weitgehend, die Zahl der Drogentoten sank deutlich und die öffentliche Ordnung verbesserte sich spürbar.

Natürlich sind Drogenkonsumräume keine Wunderwaffe. Sie allein werden das Problem nicht lösen. Sie können aber ein wichtiger Baustein einer funktionierenden Suchthilfe sein.

Eines steht jedenfalls fest: Das Problem verschwindet nicht dadurch, dass man den Konsum aus dem Blickfeld verdrängt. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Drogen konsumiert werden, sondern wo und unter welchen Bedingungen. Die Erfahrungen aus der Schweiz und vielen anderen Ländern  zeigen, dass Drogenkonsumräume Leben retten und gleichzeitig die Belastung für Anrainer:innen und den öffentlichen Raum reduzieren können. 

Das könnte auch für die Stadt Wien und den 15. Bezirk möglich sein.

Anja Stegmaier

Langjährige Redakteurin für die Wiener Zeitung, für die sie den Podcast "#weitergehts" umgesetzt hat. Als Journalistin und Sprecherin hat sie zahlreiche Porträts und Reportagen verfasst sowie Medien-Formate entwickelt. Für ihre Ö1-Radiokolleg-Serie "Frauen und Skateboarding" war sie gemeinsam mit Matthias Hofer und Stephan Wabl für den "Sports Media Award" im Bereich Audio nominiert. Sie wohnt in Rudolfsheim-Fünfhaus.