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Dietmar Baurecht (SPÖ): Was eine Telefonzelle über Bezirkspolitik erzählt

Dietmar Baurecht Bezirksvorsteher Rudolfsheim-Fünfhaus
Dietmar Baurecht ist seit 2022 Bezirksvorsteher in Rudolfsheim-Fünfhaus (Bild: Wabl)

Newsletter #11 vom 26. Juni 2026. Rubrik: Was macht die Bezirkspolitik? Serie: Politischer Spaziergang durch Rudolfsheim-Fünfhaus mit Vertreter:innen aller Bezirksparteien. Gast #6: Bezirksvorsteher Dietmar Baurecht (SPÖ)

Von der Mariahilfer Straße über das Westbahn-Areal hinauf zur Schmelz. Diese Route hat sich SPÖ-Bezirksvorsteher Dietmar Baurecht für unseren politischen Spaziergang durch Rudolfsheim-Fünfhaus ausgesucht. Am Anfang unseres Gesprächs steht jedoch eine Telefonzelle. 

„Hier, wo jetzt der Radweg auf der Äußeren Mariahilferstraße vorbeiführt, stand vor der Neugestaltung eine Telefonzelle. Die wollte ich weghaben und stattdessen mehr Sitzmöglichkeiten schaffen, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern.  Aber das war unglaublich schwierig. Denn das entscheiden viele unterschiedliche Stellen und wir als Bezirk haben da wenig Einfluß. Am Ende hat es doch geklappt“, erzählt Baurecht. 

Äußere Mariahilfer Straße Wien
Nicht alle einverstanden, aber viele zufrieden: Die neue Äußere Mariahilfer Straße (Bild: Wabl)

Der Bezirksvorsteher als Mediator

Die Umgestaltung der Äußeren Mariahilfer Straße ist eines der größten Bauprojekte, die der Bezirk in den letzten Jahren erlebt hat. Und sie zeigt auch die Grenzen und Möglichkeiten der Bezirkspolitik. „Natürlich wird das in erster Linie im zuständigen Ressort im Rathaus entschieden. Es gibt Strategien und Förderungen von der Stadt und wir als Bezirk wirken ein und bringen Vorschläge. Da ist es von Vorteil, wenn das Bezirksparlament gemeinsam agiert“, so Baurecht. Das sei natürlich nicht immer der Fall. „Ich sehe meine Aufgabe als Bezirksvorsteher als Mediator, der mit den Bürger:innen, allen Parteien und zuständigen Stellen redet, um einen gemeinsam Nenner zu finden. Aber am Ende gibt es auch eine Entscheidung, die nicht allen gefällt. Da bin ich pragmatisch“.  Für Baurecht sei die Neugestaltung jedenfalls ein Erfolg und aus dem Bezirk höre er überwiegend Positives.

Ohne Wahlrecht in Rudolfsheim-Fünfhaus

Am Weg Richtung Westbahn-Areal frage ich Baurecht, wie er als Bezirksvorsteher damit umgeht, dass nur 25 Prozent der Einwohner:innen von Rudolfsheim-Fünfhaus zur letzten Wahl gegangen sind. Der 15. Bezirk hat mit 50 Prozent Bürger:innen ohne österreichische Staatsbürgerschaft den höchsten Ausländer:innen-Anteil in Wien. Von den 50 Prozent Wahlberechtigten haben nur etwas mehr als 50 Prozent gewählt. 

„Das ist für die Demokratie ein Problem“, erklärt Baurecht. „Ich treffe auch immer wieder Bürger:innen, die mir sagen: ‚Was geht mich die Politik an, ich darf ohnehin nicht wählen.‘ Einerseits ermutige ich alle Bezirksbewohner:innen, sich um die Staatsbürgerschaft zu bemühen.“ Andererseits versuche der Bezirk, durch diverse Angebote alle Bürger:innen einzubinden. „Wir haben Projekte wie die Gebietsbetreuung oder das Grätzl-Labor, um den Austausch zu ermöglichen.  Es gibt die außerschulische Jugendbetreuung, die in den Parks unterwegs ist, um Jugendliche aus Bevölkerungsgruppen zu erreichen, die nicht wählen dürfen. Das ist aber immer noch zu wenig. Denn Demokratie lebt von den Menschen, die mitbestimmen können. Und wenn ein großer Teil das nicht kann, kommt die Demokratie in Schieflage und wir kriegen die Rechnung präsentiert“, so Baurecht. 

Der Westbahnpark in Wien
Umkämpftes Gebiet der Stadtentwicklung: Der Westbahnpark zwischen den beiden Bezirksteilen in Rudolfsheim-Fünfhaus (Bild: Wabl)

Kampfgebiet Westbahn-Areal

Wir gehen über die Schmelzbrücke in den nördlichen Teil des Bezirks. Unter uns liegen die Gleise, die zum Westbahnhof führen. Hinter uns reicht der Blick bis in den Wienerwald. Hier soll ab 2030 eines der größten Stadtentwicklungsprojekte im Bezirk umgesetzt werden. Die Stadt Wien nennt es „Mitte 15“ und soll einen so genannten Landschaftspark, Gebäude und Wohnungen beinhalten. Am Ende der Schmelzbrücke hängt eine große Fahne mit der Aufschrift „Westbahnpark jetzt“. Die Aktionsplattform fordert einen reinen Park ohne Bebauung entlang des heutigen ÖBB-Areals. Ähnlich wie die „Grüne Mitte“ im Nordbahnviertel. Im Bezirksparlament sind die Positionen dazu gespalten, Baurecht vertritt das Konzept „Mitte 15“ seiner SPÖ-Kollegin Ulli Sima, zuständige Stadträtin für Stadtentwicklung. 

Dietmar Baurecht Bezirksvorsteher Rudolfsheim-Fünfhaus
Baurecht unterstützt das Projekt "Mitte 15" seiner SPÖ-Parteikollegen im Stadtrat (Bild: Wabl)

„Das Areal gehört den ÖBB. Anders als beim Nordbahnhof ist der Westbahnhof ein aktiver Bahnhof, der durch neue Strecken bis nach Stuttgart zuletzt wieder eine Aufwertung erfahren hat. Das muss ich berücksichtigen und braucht eine Lösung, bei der die ÖBB das Gelände für ihre Infrastruktur nützen kann“, sagt Baurecht. Gleichzeitig sei es wichtig, Grün- und Freiraum im Bezirk zu schaffen. „Aus meiner Sicht ist das jetzige Konzept ein guter Kompromiss zwischen Wohnraum, ÖBB-Nutzflächen und Parkanlage. Die geplante Grünfläche wird 4,5-Mal so groß sein wie der Reithofferpark, der hier um die Ecke liegt. Das ist nicht wenig“, meint der SPÖ-Politiker.

Westbahn-Park Areal Wien
Hier soll ab 2030 das neue Stadtgebiet entstehen. Wie es konkret aussieht, ist noch nicht final entschieden (Bild: Stegmaier)

Mogelpackung und fehlende Bürgereinbindung?

Die Grünen bezeichnen den Landschaftspark als Mogelpackung, die „Aktionsplattform Westbahnpark“ kritisiert die fehlende Einbindung der Bevölkerung. Baurecht dazu: „Aus meiner Sicht wurden alle Gruppen in den Prozess eingebunden. Aber man kann nicht alle Wünsche erfüllen und muss Realitäten klar kommunizieren. Es bringt den Bürger:innen auch nichts, wenn man für etwas eintritt, das nicht zu verwirklichen ist.“  Die „Mitte 15“ werde eine Frei- und Grünfläche für den Bezirk schaffen, die den Menschen etwas bringt. „Es könnte einen Kleinkinderspielplatz geben, einen Ballspielkäfig, Sitzgelegenheiten und Wasserspiele. Das würde zu einer besseren Lebensqualität beitragen“, so Baurecht.

Westbahn-Areal
Der Westbahnhof bekommt ein neues Stadtentwicklungsgebiet, bleibt aber ein aktiver Bahnhof (Bild: Stegmaier)

Bezirkspolitik als Ort der vielen kleinen Würfe

Wir verlassen das Westbahn-Areal und spazieren Richtung Schmelz. Baurecht ist in Liesing und Favoriten in den Kindergarten beziehungsweise in die Volksschule gegangen. Mit zehn Jahren ist er mit seiner Familie nach Bad Sauerbrunn ins Burgenland übersiedelt. Dort hat er nach seinem Studium der Theaterwissenschaft in Wien als Projektmanager gearbeitet und war im Gemeinderat aktiv. 2009 ist er wieder nach Wien gezogen - und lebt seither im 15. Bezirk. Seit 2015 ist er Bezirksrat, seit 2022 Bezirksvorsteher. „Dreimal bin ich seit meiner Übersiedlung nach Rudolfsheim-Fünfhaus umgezogen. Immer im Bezirk, immer im südlichen Teil südlich. In die Bezirkspolitik bin ich reingewachsen und das Schöne daran ist, dass man im Kleinen Dinge verändern kann.“, sagt der 53-Jährige. 

Am Weg Richtung Schmelz zeige sich ganz konkret, was Bezirkspolitik leisten könne. „Es sind nicht die großen Würfe, aber viele kleine Änderungen und Verbesserungen, die den Menschen im Alltag helfen“, so der Bezirksvorsteher. Wir bleiben beim Radweg auf der Hütteldorfer Straße stehen. „Für manche mag das nur ein Radweg sein, aber für den Bezirk ist das ein großes Projekt. Ja, für den Radweg mussten Parkplätze weichen. Es ist aber auch so, dass die Autos Imme größer werden und wir hier eine Entscheidung getroffen haben: Radwege statt Parkplätze. Dazu noch Grünflächen zwischen Radweg und Gehsteig. Das Mobilitätsgefühl hat sich hier seit der Neugestaltung stark verbessert,“ sagt Baurecht. 

Radweg Hütteldorfer Straße Wien
Der finale Radweg auf der Hütteldorfer Straße soll in drei Abschnitten vom Gürtel bis zum Baumgartner Friedhof führen (Bild: Wabl)

Ein Radübungsplatz als schönster Erfolg

Weiter geht es zum Radübungsplatz in der Guntherstraße. Die geschützte Fläche in Schmelz-Nähe wurde 2023 für das spielerische Üben mit dem Rad geschaffen. Trainer:innen unterstützen die Kinder bei praktischen Übungen am Parcours. „Der Radübungsplatz war ursprünglich eine Initiative der Neos. Es gab damals aber keine Fläche. Daher haben wir uns auf die Suche gemacht. Das hat gedauert, aber am Ende hat es geklappt und alle Parteien im Bezirksparlament waren dafür. Für mich ist das einer der schönsten Erfolge der Bezirkspolitik“, so der Bezirksvorsteher. 

Ähnlich sei es beim Spielplatz auf der Schmelz gewesen. „Hier ging es darum, eine neue Überdachung auf dem bestehen Spielplatz zu schaffen. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde zudem ein 2.300 Quadratmeter großes Asphaltareal in einen Park mit Wiese, Fitnessbereich, Boccia-Bahn, Sitz- und Liegeflächen umgewandelt. Der Ort ist seither ein sehr lebendiger Treffpunkt für die Bewohner:innen im Bezirk“, sagt Baurecht. Darum gehe es in der Bezirkspolitik: Räume zu schaffen,  um Menschen zusammenzubringen. Orte zu ermöglichen, wo die Bürger:innen gerne Zeit verbringen.

Park auf der Schmelz
Rudolfsheim-Fünfhaus gehört zu den Bezirken mit den wenigsten Grünflächen. 2025 wurde auf der Schmelz ein neuer Park eröffnet (Bild: Wabl)

Kann die Bezirkspolitik etwas gegen die Armut tun?

Was die Menschen im Bezirk ebenfalls beschäftigt, ist die steigende Armut. Nach der Kaufkraft ist der 15. Bezirk der ärmste Bezirk in Wien und Österreich. Welchen Rolle kann die Bezirkspolitik hier spielen? 

„Wir haben als Bezirk kein eigenes Sozialbudget. Aber wir unterstützen Einrichtungen im Bezirk wie „Login“, einen Verein zur Gesundheitsförderung und sozialen Integration, der viele Kurse ohne Kosten anbietet. Über unser Kulturbudget fördern wir Projekte wie die Bezirksfestwochen oder den Kultursommer, die kostenlose Veranstaltungen für alle anbieten. Das sind  Hebel, die wir im Bezirk haben“, erklärt der SPÖ-Politiker. 

Ist der Aufwand für die Bezirkspolitik gerechtfertigt?

52 Bezirksrät:innen hat der 15. Bezirk. Neben dem Bezirksvorsteher zudem noch zwei Stellvertreter. Ich frage Baurecht, ob sich dieser ganze Aufwand überhaupt auszahlt, wenn man den begrenzten politischen Spielraum der Bezirkspolitik sieht?   

Baurecht: „Im Bezirk leben rund 80.000 Menschen. Diese brauchen Ansprechpartner:innen auf Augenhöhe. Das sind die Bezirksrätinnen und Bezirksräte.  Diese sind oft der erste Kontakt, den die Bürger.innen mit der lokalen Politik haben. Die Bezirksrät:innen haben zudem alle einen Beruf und bringen diese Kompetenz ein. Ich sehe ihre Arbeit - so wie auch meine Rolle - in erster Linie in der Kommunikation und Mediation. Reden, reden, reden. Das ist für das Zusammenleben ganz wichtig. Das funktioniert im Bezirk auch sehr gut. Das ist aus meiner Sicht auch der Grund, warum Rudolfsheim-Fünhaus einer der vielfältigsten Bezirke in Wien ist und die Menschen trotzdem gut miteinander auskommen.“

Zur Person

Dietmar Baurecht (53) ist seit 2022 Bezirksvorsteher von Rudolfsheim-Fünfhaus. Im Bezirk ist er gerne mit seinem Hund Couch unterwegs und besucht die Gastronomie in seinem Grätzl. Als er noch in der Meinhartsdorfer Gasse gewohnt hat, war er zumindest einmal wöchentlich im „Gasthaus Quell“. Mittlerweile ist er auch öfters am Schwendermarkt anzutreffen. 

Dietmar Baurecht Bezirksvorsteher Rudolfsheim-Fünfhaus
Dietmar Baurecht ist seit 2022 Bezirksvorsteher in Rudolfsheim-Fünfhaus (Bild: Wabl)

Stephan Wabl

Arbeitet als freier Journalist, Autor, Podcaster und Herausgeber von "1150"  in Rudolfsheim-Fünfhaus. Mit seinen Büchern, Podcasts und Medienprojekten war er Gast bei der "Buch Wien", der Langen Nacht des Journalismus und beim Podcastfestival Passau. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.