Westbahn-Park: Geht da noch was?
Newsletter #9 vom 17. Juni 2026. Rubrik: Was beschäftigt den Bezirk? Reportage zum Thema Westbahn-Park
Blick vom Rustensteg auf die Gleise Richtung Westbahnhof: ÖBB-Mitarbeiter führen Gleisarbeiten durch, eine Frau ist mit ihrem Hund spazieren, ein Zug macht sich auf nach St. Pölten, ein Radfahrer fährt gemütlich in der Mittagssonne. Entspannt und unaufgeregt. Alltag in Rudolfsheim-Fünhaus im Schatten der Westbahn.
Aber die Ruhe täuscht. Denn das Areal rund um den Rustensteg, der die beiden Bezirkshälften verbindet, ist das umkämpfteste Stadtenwicklungsgebiet im Bezirk. Zwei Büros stehen für die zwei Positionen in dieser Sache. Das Büro von Ulli Sima - SPÖ-Stadträtin für Stadtentwicklung. Und das „Büro für lustige Angelegenheiten“ von Lilli Lička, Karoline Seywald und Hannes Gröblacher. „Wir haben mit unserer Gruppe vor einigen Jahren den öffentlichen Raum thematisiert und an einem Manifest gearbeitet“, erzählt Gröblacher bei einem Rundgang am Areal. „Ein Punkt davon war die Vision, die Stadt über die Landschaft neu zu denken. Daraus ist im Jahr 2019 die Idee für den Westbahnpark entstanden.“
Der Name Westbahn-Park ist seither zum Begriff geworden. Fahnen, Aufkleber, Spaziergänge und Petitionen unter dieser Bezeichnung sind im Bezirk sichtbar und Teil der Debatte. „Wir fordern einen echten Park auf gewachsenem Boden. Keine Gebäude, keine Wohnungen, keine gewerbliche Bebauung. Wir nennen das ‚Nur Null ist Full‘, erklärt Landschaftsarchitekt Gröblacher das Ziel der „Aktionsplattform Westbahnpark.live“.
Neben der Aktionsplattform gibt es auch eine zweite zivilgesellschaftliche Gruppe, die sich für einen Westbahnpark einsetzt. Die Initiative „Westbahnpark.jetzt" ist seit 2020 aktiv und fordert auf dem Areal einen „erdgebundenen Landschaftspark, eine Grünfläche für alle, einen 1,2 km langen, klimagerechten, sozial verträglichen Stadtraum". In dieser Initiative ist auch der ehemalige SPÖ-Bezirksvorsteher von Rudolfsheim-Fünfhaus, Gerhard Zatlokal, aktiv.
Das Gebiet entlang der Felberstraße ist 1,2 Kilometer lang und hat mit sechs Hektar eine der größten Grünflächen in Rudolfsheim-Fünfhaus. Hier möchte die Stadt ab 2030 eines der wichtigsten Stadtentwicklungsprojekte im Westen Wiens umsetzen. Dafür zuständig ist das Büro von Ulli Sima. Die SPÖ-Stadträtin hat im Februar 2024 das Konzept „Mitte 15“ vorgestellt. Das sieht Wohnungen, die Nutzung der ÖBB-Gebäude und einen Landschaftspark vor.
„PR-technisch war das sehr klug von ihr“, so Gröblacher von der Aktionsplattform. „Landschaftspark klingt natürlich gut und sehr nach Westbahn-Park. Aber die Konzepte sind sehr verschieden. Aus unserer Sicht wird hier die einmalige Chance vergeben, einen klimawirksamen und einzigartigen Freiraum voller Biodiversität für die Bevölkerung zu schaffen.“
Die Parteien im Bezirk sind beim Thema Westbahn-Areal gespalten. SPÖ, ÖVP und FPÖ sind gegen den Westbahn-Park, die Neos, KPÖ-Links und die Grünen dafür. Haroun Moalla, Klubobmann der Grünen und Bezirksvorsteher-Stellvertreter, meint dazu: „Für uns Grüne ist das Projekt eine Mogelpackung und wir fordern einen richtigen Park. Das ist die letzte Möglichkeit, eine Grünfläche dieser Art im innerstädtischen Raum zu schaffen.“
Dietmar Baurecht, SPÖ-Bezirksvorsteher, unterstützt die Position seiner SPÖ-Kollegin im Rathaus. „Aus meiner Sicht ist das Konzept „Mitte 15“ ein guter Kompromiss. Ein reiner Park wie die „Grüne Mitte“ im Nordbahn-Areal ist hier gar nicht möglich, da der Westbahnhof ein aktiver Bahnhof ist. Das Areal gehört den ÖBB und diese brauchen die Gebäude für den Bahnhofsbetrieb“, so Baurecht. Neos-Klubomann im Bezirk Andreas Leszkovsky ist für den Park, seine Parteikolleg:innen im Rathaus unterstützen jedoch den Vorschlag von Ulli Sima.
Im Jahr 2024 startete die „Aktionsplattform Westbahnpark.live“ eine Petition, die rund 12.000 Menschen unterschrieben haben. Im Frühling 2026 wurde die Petition „Westbahnpark - in voller Länge und ohne Bebauung“ zudem über die offizielle Petitionsplattform der Stadt Wien eingereicht und erhielt mit 621 genügend Unterschriften, um im Petitionsausschuss besprochen zu werden. Dort hat Hannes Gröblacher im Mai die Forderungen der Petition vorgestellt. Der Ausschuss sprach schließlich die Empfehlung an Stadträtin Ulli Sima aus, „in der weiteren Planung des Westbahnareals auch auf die Schaffung eines zusammenhängenden, barrierefrei nutzbaren und klimawirksamen Grünraums zu achten. Weiters sollen – wo sinnvoll möglich – bestehende Biodiversitätsflächen integriert und die Durchwegung gesichert sowie die Bürger*innenbeteiligung im weiteren Verfahren fortgeführt werden“, wie der Pressedienst der Stadt Wien berichtet.
„Die bisherige Bürger:innenbeteiligung verdient ihren Namen nicht“, sagt jedoch Peter Moser, Stadtforscher und bei der „Aktionsplattform Westbahnpark.live“ aktiv, beim Rundgang am Westbahn-Areal „Die SPÖ spricht zwar immer davon, wie wichtig diese Beteiligungen für die Demokratie sind. Aber wirklich eingebunden werden die Bürger:innen nicht.“ Der 80-Jährige verweist bei der Stadtplanung auch auf die Geschichte: „Hatte die Stadt tatsächlich einmal Mut, wie bei der Schaffung der Donauinsel als Freiraum ohne Bebauung, hatte das jahrzehntelang positive Folgen für die Lebensqualität der Menschen in dieser Stadt. Das würde ich mir auch für das Westbahn-Areal wünschen“, meint Moser.
Bevor die Baupläne konkret werden, startet ab Herbst 2026 ein städtebaulicher und freiraumplanerischer Wettbewerb. Planungsteams sollen dabei Ideen für den neuen Park entwickeln und eruieren, welche Infrastruktur im Bezirk gebraucht wird. Im Herbst sind Bürger:innen-Veranstaltungen zum Thema Westbahn-Park geplant.
SPÖ-Bezirksvorsteher Baurecht sieht die Sache positiv: „Die Menschen in Rudolfsheim-Fünfhaus wurden durch die gängigen Beteiligungsprozesse in die Entwicklung eingebunden. Das wird auch weiterhin geschehen.“
Für seinen Stellvertreter, Grünen-Bezirksrat Haroun Moalla, nimmt Baurecht in dieser Frage jedoch die falsche Position ein: „Baurecht müsste als Bezirksvorsteher die Interessen des Bezirks vertreten und vor allem die Bürger:innen stärker beteiligen. Das tut er aber nicht und nimmt hier eine fatale Rolle ein.“
Baurecht kontert: „Es bringt den Menschen im Bezirk nichts, ihnen etwas zu versprechen, was nicht realistisch ist. Der geplante Landschaftspark enthält einen Kleinkinderspielplatz, einen Ballspielkäfig, Sitzgelegenheiten und Wasserspiele. Das erhöht die Lebensqualität der Menschen im Bezirk nachhaltig.“
Baubeginn des Projektes ist frühesten im Jahr 2030. „Die Weichen werden aber jetzt gestellt“, sagt Landschaftsarchitekt Hannes Gröblacher. „Und mein Eindruck ist, dass die Stadtpolitik und Bezirksvorsteher Baurecht das Thema im vollen Umfang am liebsten gar nicht wirklich zur Diskussion stellen wollen und deswegen ihre baulichen Interessen und Absichten verschleiern.“
Dabei hat die Debatte um die Nutzung des Westbahn-Areals eine lange Geschichte, wie Stadtforscher Peter Moser beschreibt: „Schon vor rund 100 Jahren wurde im Zuge des Westbahnhof-Wettbewerbs ein Projekt mit dem zweiten Preis ausgezeichnet, das das gesamte Bahnhofsgelände als Freiraum und Park vorgesehen hätte. Beim Thema Westbahnpark waren wir also in der Vergangenheit schon weiter, als wir es heute sind.“
Die Diskussion um den Westbahn-Park könnet aber ab Herbst 2026, wenn der städtebauliche Wettbewerb startet und die Bürger:innen-Veranstaltungen stattfinden sollen, wieder frischen Wind bekommen.
Anja Stegmaier
Langjährige Redakteurin für die Wiener Zeitung, für die sie den Podcast "#weitergehts" umgesetzt hat. Als Journalistin und Sprecherin hat sie zahlreiche Porträts und Reportagen verfasst sowie Medien-Formate entwickelt. Für ihre Ö1-Radiokolleg-Serie "Frauen und Skateboarding" war sie gemeinsam mit Matthias Hofer und Stephan Wabl für den "Sports Media Award" im Bereich Audio nominiert. Sie wohnt in Rudolfsheim-Fünfhaus.